solti (1958 – 1965, wiener philharmoniker)


so vielfältig wie der ring selbst sind dessen aufnahmen. soltis ring war der erste gesamte ring der schallplattengeschichte, der eigens im studio eingespielt wurde. und die verantwortlichen haben sich dafür unermesslich ins zeug gelegt: in den wiener sofiensälen wurde nicht nur wagners drama musikalisch eingespielt, auch wagners exakte anweisungen zur klang- und geräuschregie sowie zur besetzung des orchesters und verwendung der gewünschten instrumente wurden akribisch berücksichtigt. so wurden stierhörner anstelle von posaunen rekonstruiert und brünnhildes grane ist in form eines echten pferdes am aufnahmeort vernehmbar. kein ring ist dermassen „stereo“ wie dieser! die klanglichen strategien zur schaffung von räumlichkeit sind bis heute zumeist verblüffend und erfüllen ihren zweck, kleine klangliche patina da und dort gehört zur geschichte dieser aufnahme.


freude macht er, dieser ring! soltis motto scheint gewesen zu sein: „lasst uns den ring einspielen und spass haben dabei!“ alles fliesst, die musik klingt bunt und locker wie zu einem zeichentrickfilm – und das ist alles andere als abschätzig gemeint! vom ersten takt an ist hier alles elektrisierend und federnd. solti ist der inbegriff des dirigierenden autopilots, der hellwach alles im griff hat, nichts unbeachtet lässt, der orchester, sänger und uns hörer traumsicher durch das wagnersche epos navigiert.


ja, es gibt dirigate, die sind philosophischer, nachdenklicher, die gehen dann und wann mehr in die tiefe und kosten auch solistische momente im orchester wertvoller aus (karajan). so eine einheit aber, im geiste wie in der ausführung, die ist schon beeindruckend. weich, warm und fliessend spielen die wiener auf, und hier hört man nicht nur den ring; hier ist man mittendrin! solti sorgt zu jeder sekunde für präsenz. da ist nichts beiläufig, da gibt es keine längen zu ertragen. feurig, energisch, aber niemals schroff vergeht die zeit hier wie im fluge. es ist soltis nähe und liebe zu wagner, die uns in seinem ring dinge hören lässt, die wir so im orchester noch gar nie wahrgenommen haben: die hornfraktion ganz zu ende des ersten aktes der walküre, als sehr eindrucksvolles exempel. im ersten akt des siegfried schafft solti eine orchestrale stimmung, die schon sehr meistersinger-gleich ist. das passt unheimlich schön, denn wagner verabschiedete sich ja exakt hier für zehn jahre aus dem ring, um meistersinger und tristan auf die welt zu bringen.


dann die stunde(n) sängerischer ausnahmebesetzung! donner und froh im rheingold: eberhard waechter, waldemar kmentt! hier bedauert man zum ersten mal, dass diese figuren nicht noch ausuferndere präsenz im werk haben. der rheingold-wotan von george london: vokal das bild eines john wayne mit rauchendem revolver. genial! set svanholms loge: sehr biegsam, für einmal weniger charakterstudie denn eine sehr drängend-dramatische lesung. neidlinger als alberich: dieser alberich ist fordernd, fatalistisch, bedrohlich – und hat bestechende würde zugleich.


jean madeira, die schönste opernsängerin, die diesen planeten je besuchte: eine saftig-düstere erda aus tiefster gruft. flagstads rheingold-fricka macht eindruck. mit der ist nicht zu spassen! die crespin dann, hier als sieglinde: weniger domestiziert als bei karajan (brünnhilde); sie hat dramatik, aber auch jede menge kalte schärfe. der siegmund von james king: enorm männlich, sportlich, reif. seine „wälse“-rufe lassen mich am ganzen körper erschauern! die amerikaner waren schon immer grandiose wagner-sänger; bestimmt ein vorteil, dass die gesungene sprache nicht ihre muttersprache ist und sie deshalb gedanklich etwas freier agieren können.


hans hotter dann, der weitere wotan und wanderer des zyklus. wenn man sich mit seiner nasalen und gaumigen singweise anfreundet – und ich empfehle, dies rasch zu tun – dann begegnen wir hier einem ausserordentlich warmen und gütigen gott. ja, er ist etwas onkelhaft, dieser wotan. aber ein überaus ergreifender. sein monolog in der walküre ist vorbildlich verinnerlicht. hotters wotan leidet zutiefst, als er brünnhilde der unausweichlichen strafe aussetzen muss. er liebt seine tochter innigst, gerade in diesem akt der bestrafung.


hotter zeigt durch seine tief empfundene menschlichkeit die grösse wagners: er will es dem hörer nicht einfach machen, partei für oder gegen seine protagonisten zu ergreifen. aber des hörers mitgefühl ist darstellern wie hotter gewiss. dasselbe gilt für die fricka der so unendlich liebevollen christa ludwig. sie gibt der ansonsten keifenden göttergattin und hüterin der ehe ein völlig neues verständnis: ludwigs fricka ist eine zutiefst besorgte, verletzte frau. sie ist durchflutet von wärme und weiblichkeit und macht ihren konflikt auf sensationelle weise spürbar.


birgit nilssons brünnhilde: ein kraftwerk von einer sängerin, auch hier! mit welcher leichtigkeit die nilsson sinnlichkeit und gerechtigkeit verkörpert, das ist schon ganz immenses wagner-kino! der siegfried von windgassen: jugendlich, aber nicht jung, sehr fesch und faszinierend elastisch. möglicherweise eine spur zu gescheit und aristokratisch für die rolle, aber das ist in diesem falle kein nachteil. gerhard stolze ist schon hier als mime zu hören: seine spielfreude ist nicht zu zähmen, was wohl auch nicht in soltis absicht lag. etwas weniger wäre hier aber mehr. claire watson gibt eine absolut betörende gutrune, fischer-dieskau einen herrlich fies kalkulierenden gunther. der hagen von gottlob frick irritiert. fricks ton geht eher in die breite denn in die tiefe. den bösewicht nehmen wir ihm bei allem respekt kaum ab. windgassen ist auch in der götterdämmerung grossartig: fiebrig verfällt sein siegfried dem um ihn herum veranstalteten wahnsinn.


fazit: soltis ring ist und bleibt ein meilenstein für alle beteiligten, besonders auch für die wiener philharmoniker. in diesem ring wird nicht einzig grosse oper gesungen, da werden beziehungen zwischen den handelnden personen aufs eindrücklichste spürbar und plausibel. und soltis energiegeladenes, aber nicht kopflastiges konzept geht auf: tiefer ernst kann auch aus einem nicht überheiligen zugriff erwachsen.