neuhold (1993 – 1995, badische staatskapelle, live)


aus dem badischen staatstheater karlsruhe stammen diese mitschnitte eines ringes, den man lautstärkemässig zuerst einmal ordentlich auf pegel drehen muss, der dann aber extrem beglückt. ein kleines orchester, leichte, nicht allesamt in letzter routine ausgefeilte stimmen. günter neuhold ist ein wunderbarer kapellmeister, der die geschichte und die geschicke fest, seriösest und beherzt im griff hat. die streicher sind zu beginn noch nicht ganz wach, aber die bläser, insbesondere die hornfraktion, überzeugen und begeistern durchs band mit warmer präsenz.


john wegner gibt einen sehr freundlichen, dann immer sonorer werdenden wotan. er gewinnt laufend an eindrücklichem format. ein feiner loge, eine anständige rheingold-fricka – die walküren-fricka ist dann ganz gross! -, donner und froh werden ihren namen gerecht und sind zudem auch äusserst gesellig.


der alberich von oleg bryjak beginnt etwas harmlos, doch im verlauf der geschichte entwickelt er eine grösse, die ihn nicht bloss in die galerie der ganz grossen formate dieser rolle katapultiert – nein, er selbst ist ein grosses format! eine grandiose erda von mette ejsing, dann die weiteren überraschungen: edward cook als siegmund und „reifer“ siegfried in der götterdämmerung, wolfgang neumann als junger siegfried: das sind zwei tenöre, die nicht nur strahlen und frei sind, sondern auch wissen, was – und wen – sie singen. cook macht einen berührend feinen siegmund, sanft und voller starker energie. er hat das denkbar schönste timbre für einen siegmund überhaupt. neumann ist einer der besten siegfriede, die ich je gehört habe. prächtig!


weinschenk macht einen hervorragenden, nicht überzeichneten mime. selten stimmt in einem siegfried derart viel! das für mime demaskierende zwiegespräch mit siegfried wird grandios perfid gestaltet und das orchesterspiel ist massstäblich.


neuhold hat das gespür für verlauf, farben, schichtungen und fluss, dass es eine wonne ist. carla pohl ist die starke, strahlend helle brünnhilde dieser produktion – ihr gemeinsames erwachen mit neumanns siegfried ist der satte höhenflug zweier passender und passionierter stimmen, die sich wagner voll hingeben. wenn dieser siegfried vom leuchten seiner liebe singt, dann leuchtet er selbst vollumfänglich.


gabriele maria ronge ist eine flammende und schmachtende, junge und fesche sieglinde – und in der götterdämmerung eine exquisite gutrune! der hunding von olsen geht voll in ordnung. simon yang ist ein famoser fafner. die walküren sind herrlich, die nornen extraordinär gut und unheilschwanger. brinkmann ist ein gewöhnungsbedürftiger, dann aber schlangenhaft verschlagener gunther, fahl und fies. markku tervo ist ein gefährlicher und potenter hagen, der unbehagen schafft.


was das orchester – nach zärtlichster intimität in der walküre – dann in der götterdämmerung malt, ist sensationell: gravitätisch, mysterisch, lichtvoll und drängend wechseln sich die stimmungen organisch ab!


die waltraute ist nicht so dunkel und geheimnisreich wie einige ihrer prominenten vorgängerinnen – aber auch sie steigert sich im verlauf ihres auftritts aufs grossartigste. das gehört wohl mit zu der faszination an diesem ring, dass erlebbar wird, wie sich die sänger in ihre bühnenfiguren hineinsteigern und transformieren.


diese götterdämmerung: das ist nicht hoch-, das ist höchstspannung, auch zu dem moment, wo der „verwandelte“ siegfried brünnhilde mit subtil-statischer gewalt annektiert. carla pohl vermittelt diese angst und unfassbarkeit der brünnhilde grandios, sie ist hier noch viel stärker und – auch stimmlich - mehr bei sich als im siegfried.


wie das orchester hier webt und spinnt, die klimax am ende des zweiten aktes der götterdämmerung: das ist alles mehr als richtig gemacht! wie diese brünnhilde dann abschied nimmt – und macht! – ist zutiefst abgeklärt, warm und mitreissend. hier hat pohl diese leichtigkeit der wissenden, sich opfernden. das ist ganz grosser wagner. und zum ersten mal wird an dieser stelle bewusst: das ist kein ende, sondern ein neubeginn! ihr „starke scheite“ – die mutmassliche offenbarung von wagners traum und vision!


fazit: ein sehr lyrischer, sprechender ring. neuhold, sein orchester und die sänger zeigen, dass man diese geschichte auch leise erzählen kann, ohne dabei an intensität zu verlieren. dieser ring regt an, setzt akzente, weil er es kann. der impetus ist genial, die – gemeinsame – intention ist derart richtig und spürbar, dass sie auch dort überzeugt, wo sie nicht in letzter konsequenz gelingt. neuhold hat ein kleines orchester und weiss genau, was er damit anstellen kann. die tonqualität ist für live-verhältnisse ausgezeichnet, es sind kaum bühnen- oder publikumsgeräusche zu vernehmen. bis auf die jeweils ekstatischen beifallsbekundungen zu ende der einzelnen akte, denen ich mich von herzen gerne anschliesse.