levine (1987 – 1989, metropolitan opera orchestra)

 

levine lässt sich - und gibt dem ring - zeit. viel zeit. er vermag nicht nur, diese zeit mit seele und spannung zu füllen, sondern er erreicht durch akribische beleuchtung – oder beherzte behörung – ein freilegen von strukturen und musikalischen codes wie auch rhythmen im gesamten ring, wie ich es bis anhin nie hörte. das ist äusserst getragen, tief liebevoll, detailbesorgt und ein sehr romantisch geprägter, ästhetischer zugriff. levine, dem die menschliche stimme als vorzüglicher liedbegleiter das primat ist, ist eben auch ein symphoniker. und er hat einen derart grossen – musikalischen – geist, dass man, so sehr man sich in wagners welt befindet, da und dort anklänge der bedeutenden stimmungen weiterer grosser komponisten wahrnimmt.

 

da klingt plötzlich schumann an, dann schubert. da wähnt man sich auf einmal stimmungsmässig in haydns prachtvoller schöpfung, als die götter nach freias entführung zu altern beginnen. überhaupt müsste diese einspielung heissen: das lied des nibelungen!

 

levine findet alle klanglichen und rhythmischen schlüssel für themen- und übergangsmusiken, z.b. den eintritt nach nibelheim – nie so gehört und beispielhaft dafür, wie unglaublich modern und allumfassend wagners partitur ist. so detailreich illustriert hört man den ring selten! mitten im feuerzauber dachte ich innig und überglücklich leise für mich: das klingt ja genau wie wagner! ich lachte dann über mich selbst, aber anhand der zahlreichen musikalischen querverweise, die levine seinem ring nebst der wertvollen zeit schenkt, kann ich mir diese eigene reaktion mehr als verzeihen.

 

so schön tauchten die rheintöchter noch nie auf – und solchen rheintöchtern muss man schlicht und ergreifend verfallen. wlaschiha ist erneut ein exquisiter, hier sogar äusserst charmanter und eloquenter alberich. ludwigs fricka hat herz, aber auch schärfe. sie ist hier – dreissig jahre nach ihrer so immens berührenden fricka bei solti - in erster linie autoritär.

 

james morris ist zu beginn ein machohafter wotan. immer mehr offenbart er aber äusserst feine seiten und traurige, trauernde, dazu. morris hat eine fabelhafte diktion, eine grosse kultiviertheit und er singt seinen wotan wie ein lied von schubert. gross!

 

morris ist auch als wanderer ein hochgenuss. auch wenn die rolle mit wotan eins ist, besitzt sie im siegfried ganz andere anforderungen und auch diese meistert morris famos. kurt molls fasolt ist zum sterben schön: ein romantischer, hoffnungslosest verliebter und lyrischer riese! bei siegfried jerusalem ist loge für einmal vielmehr - brilliant! - gesungen als gespielt, eine wunderschöne besetzung! heinz zednik ist in wendigkeit und lauten ein katzenhafter mime. zednik ist ein grossartiger interpret abgründiger wiener lieder und gewiss ein vortrefflicher darsteller, alleine akustisch aber steht sein mime zu sehr im schatten dessen, was andere sänger hier geleistet haben.

 

birgitta svenden ist eine edle, vorzügliche, geheimnisreiche erda. donners vorerst reinigendes gewitter zu ende des rheingolds hörte man nie derart schön aufgebaut.

 

jessye normans sieglinde ist äusserst spannend. die frau hat eine stimme wie eine orgel. sie zieht alle register, die sie darauf hat: jung, zärtlich, innig, warm, wuchtig, bebend. verschreckt, entschlossen - höchst entschlossen, aus ihrem tristen dasein auszubrechen. angst vor kollateralschäden hat diese sieglinde nicht. die norman ist als sieglinde ein wahres gottesgeschenk! zudem braucht diese sieglinde beileibe keinen siegmund, der ihr aus der misere hilft.

 

den hat sie in dieser aufnahme auch nicht wirklich. gary lakes siegmund ist kernig - bis quäkend. er hat ein gutes material und noch mehr energie. aber mehr durchhaltevermögen denn ausdruckskraft. und, absolutes unding: auch seine beiden wälse-rufe sind äusserst schlampig zusammengeklebt von der schnittfraktion. pfui! er kann aber im verlauf der walküre - je näher es seinem ende entgegengeht - mit schönen und ruhevollen lyrismen überzeugen. kurt molls hunding ist erneutes zeugnis dieses ausnahmebasses. ja, er kann auch böse und äusserst gefährlich!

 

levines dirigat bleibt rein, er widersteht sämtlichen verführungen zum forcieren, auch tempomässig. es ist ein dirigat, welches zu tränen rührt. was die violinen in der dritten szene des ersten walküre-aktes im duett siegmund / sieglinde leisten, ist sensationell und bis anhin ungehört.

 

knackige, scharfe walküren. es ist nicht anders zu beschreiben. die behrens ist hier eine sehr abgeklärte, reife, illusionslose brünnhilde. müde klingt sie, aber sie vermag erneut zu bannen. die szene sieglinde / brünnhilde ist von enormer intimität, grossem dank und tiefem vertrauen geprägt, musikalisch grossartig umrahmt und unterstützt. levines feuerzauber ist zum sterben schön, james morris besingt ihn kongenial.

 

das problem im siegfried ist, dass reiner goldbergs siegfried und zedniks mime die beinahe identische stimmfarbe- und gebung besitzen. goldberg ist forsch und kernig, hat frische und jugendlichkeit, ausdruck und charakter sucht man hier aber erfolglos. körper hat seine stimme leider nicht, da ist samt und sonders alles in der kehle angesammelt. hier wird zwischen siegfried und mime auch mehr ab blatt gesungen als tatsächlich miteinander gespielt.

 

das ereignis dieses siegfried ist definitiv levine mit seinem orchester. levine stattet das waldweben mit einer meditativen und erhebenden ruhe aus, die eindringlich und völlig losgelöst daherkommt. kurt moll ist ein fafner, der massstäbe nicht nur setzt, sondern sie in unbeschreibliche höhen – bzw. in seinem falle tiefen - stellt! kathleen battle ist ein exzellenter waldvogel, sie atmet richtig und kommt nicht ins trudeln wie so viele andere sängerinnen dieser heiklen partie. schön! das lange - und doch viel zu kurze - duett im siegfried meistern goldberg und mehr noch die behrens mit stetig wachsender inbrunst absolut zuverlässig. die behrens findet in aller dramatik stets wundervolle zarte und liebevolle töne. levines getragenes tempo macht diese passage wohl auch singbarer. das orchester illustriert "leuchtende liebe, lachender tod" auf grossartigste weise und trumpft auf, dass es eine freude ist. levine bereitet im siegfried-finale stimmungsmässig schon die götterdämmerung vor.

 

die nornen sind mit dernesch, troyanos und gruber legendär und phänomenal besetzt. matti salminen ist wieder ein herausragender, immenser hagen. seine schwärze, seine energien; er hat davon endlos zur verfügung. bernd weikl ist ein "guter" gunther von grosser qualität, sehr natürlich und von lyrischem anflug. ein wahrer "meistersinger"! cheryl studer ist eine leuchtende, glasklare und edle, leicht unterkühlte gutrune.

 

levines dirigat blüht und blüht! jede noch so kleine sprosse der partitur bekommt ihren platz, wird hörbar. hanna schwarz, sawallischs grossartige erda, ist hier die profunde und hypnotische waltraute. siegfrieds übergriff auf brünnhilde wird aufs konsequenteste und eindringlichste vollzogen. erschütternd! die szene zwischen alberich und hagen gerät zu einem traumwandlerischen meisterstück. der chor in der gibichsmannenszene ist umwerfend!

 

die behrens geht über alle grenzen um des ausdrucks willen – gut so! die konklusion zu ende des zweiten aktes der götterdämmerung ist eine pracht, sängerisch und instrumental. levine schlägt die für mich passendsten tempi an und überzeugt hinsichtlich dieser stelle - gemeinsam mit karajan - aufs tollste. wo andere dirigenten hier im schlussspurt sind, kostet levine die vielschichtige klangarchitektur klug und genussvoll aus.

 

goldbergs siegfried schlägt sich wacker, aber alles andere als schön. auf gewisse weise ist man nicht unglücklich, als hagen ihn – und uns – erlöst.

 

fazit: rein orchestral - und auch klangtechnisch - ist dieser ring ganz weit oben. levines dirigat ist eine meisterleistung, zeitlich, rhythmisch, stimmungsmässig und assoziativ. james morris, jessye norman, matti salminen, kurt moll (!) und siegfried jerusalem setzen die sängerischen glanzpunkte dieser produktion, die insgesamt aussergewöhnliche aspekte des werkes erlebbar macht. für den zauber, der sich in anderen produktionen durch die empathie zwischen gesangspaaren- und paarungen einstellt, ist hier allein das orchester zuständig. denn begegnungen und beziehungen zwischen den handelnden und singenden personen sind kaum spürbar. wer sich am ring als einer gewaltigen orchesterfantasie erfreuen kann, der ist hier allerdings richtig!