karajan (1967 – 1970, berliner philharmoniker)


der karajan-ring ist ein ring des zwielichts. die orchesterarbeit ist phänomenal liebevoll und detailbesorgt. allerdings mit dem hang, sich in details zu verlieren, was den fluss des dramas lähmt. die holzbläser sind warm, berührend und umarmend, wohl in keinem anderen ring werden sie so schön klingen und überhaupt derart wahrgenommen. dass dann allerdings im blech stellenweise derart unkoordiniert gespielt wird, ist unverständlich. karajan zelebriert seinen ring beinahe sakral. der ring ist aber kein parsifal – dort ist karajan dann ganz stark! – sondern er verliert so an direktheit im geschehen.


fischer-dieskau macht einen würdigen, selbstanalytischen wotan, seine gebundenheit und biederkeit geben den gott äusserst menschlich. das rheingold ist eh die loge-show: dieser gerhard stolze prägt die rolle des listigen feuergottes und cleveren beraters schlicht umwerfend sensibel, launig und fesselnd – hypnotisch! eine gute fricka, eine ordentliche erda. beide sind sie etwas blass.


karajan beweist mut, indem er dieselben sänger für verschiedene charaktere des zyklus besetzt. und dafür die hauptsänger der wichtigsten protagonisten pro ring-teil wechselt. das geht, wenn man die opern im abstand von einem jahr und mehr dazwischen aufführt und hört, aber es irritiert, wenn man sich den zyklus in kurzer zeit gibt.


thomas stewart vermag weder als wotan noch als wanderer zu überzeugen; er klingt trocken, schal und hager, dafür ist er ein ordentlicher gunther. stolze ist wahrlich der loge und natürlich auch ein famoser mime. ihn aber im selben zyklus in beiden rollen zu erleben – wie wenn einer auf die idee gekommen wäre, kinski für einen film in einer doppelrolle zu engagieren - das ist zu viel!


die janowitz ist eine hübsche und edle, aber keine drängende oder leidenschaftliche sieglinde. die crespin bleibt durchs band eine viel zu kleine brünnhilde, der karajan zwar alle hilfestellung bietet, aber grösser wird sie dadurch auch nicht. jon vickers als siegmund ist potent wie immer, aber er hat keine ahnung, was er singt – und auch nicht, wie er, was er singt, betonen soll. die walküren dann insgesamt: ältliche frauenstimmen, sehr wabernd und unsinnlich, sie verleiten karajan zu äusserst unschönen prekären temposchwankungen – oder wars andersrum?


jess thomas dann, der massstabsetzende parsifal eines knappertsbusch und der glänzendste lohengrin bei kempe – was ist hier nur los? ein siegfried ist das nicht. er betätigt sich als töneformer, ätherisch und brav, ohne je einen sinn für seine worte zu finden. das duett mit seiner brünnhilde, helga dernesch, erschöpft sich in einem sinnentleerten, nicht abheben könnenden und starren brei. das ist ein brunst-duett in zeitlupe.


die götterdämmerung ist die eindringlichste arbeit im karajan-ring! brilioth macht einen kernigen siegfried, er kann gestalten und hat teilweise flehende dramatik. und karajan macht hier das, was er am besten kann: ein märchen schöner erzählen, als es ist, mit verve und gefährlicher feierlichkeit. so geraten die orchesterzwischenspiele der götterdämmerung zu (alb-)traumhaften höhepunkten, da ist der magier karajan als klangschichter und ausloter von reiz und falltüren in gefühlen und musik in seinem element: nobel gehen die götter ihrem ende entgegen!


leider sind die schnitte der studioproduktion hörbar. an den möglichsten und unmöglichsten stellen, beispielsweise zwischen den zwei (!) „wälse“-ausrufen des siegmund. das schmälert den genuss an karajans ring, dem insgesamt zweiten kompletten studio-ring der audiogeschichte, wesentlich. auch einige der damaligen sound-effekte zur akustischen visualisierung von nah und fern wirken heute antiquiert.


fazit: eine gestylte produktion, die trotz aller instrumentalen qualitäten zu lange kühl lässt. das drama bleibt weitgehend vor der tür und die handlungsabläufe sind wenig spürbar. karajans ring zeigt zugleich auf, dass auch ganz grosse sängerinnen und sänger (vickers und janowitz) nicht automatisch gute wagner-sänger sind. am wollen, den ring so intim und hörspielartig wie möglich zu schaffen, scheitert karajan. der sänger und seines eigenen - durchaus mutigen - konzeptes wegen.