haitink (1988 – 1991, symphonieorchester des bayerischen rundfunks)


wie ein vielfaches hornkonzert wird dieses rheingold eröffnet. so warm und hornbetont begegnete mir diese introduktion noch nie. warm und äusserst ruhig geht es weiter. die trauten und sehr stilvoll agierenden rheintöchter lassen sich auch durch den wabernden alberich von theo adam nicht aus ihrer ruhe bringen. was adam hier von sich gibt, das hat kein alberich dieser welt verdient.


wunderbar, was das symphonieorchester des bayerischen rundfunks hier an wärmstem und schmeichelndstem bläserglanz serviert - immer wieder samtig umarmt von der liebevollen, nie dominanten aber stets frischen streicherfraktion. haitinks zugriff ist behutsam, sehr getragen, schumann-like. natur- und stimmungsbilder haben priorität vor jeglichem drama. und das geht tatsächlich - vor allem stimmungsmässig - sehr schön auf. wallend und fliessend das grossartige orchester in äusserst feiner klangqualität, versehen mit dem weichzeichnerischen und gewollten schleier des dirigenten, der glücklicherweise auch die struktur der komposition im griff hat.


eine solide pauschalität des erstklassigen orchesters weist diesem hier klar und äusserst überzeugend die illustrative, moderierende position zu. manchmal braucht es gar nicht mehr. das ist kein dirigat der analytischen art oder der hunderttausend details, aber der fluss und die kompaktheit sind goldrichtig. haitink ist nicht hitchcock, aber er hat bei aller zurückhaltung stets den richtigen zug drauf.


die lipovsek ist eine enge - und einengende - fricka; leider auch mit einem starken (ab-)hang zur karikatur. keine fricka braucht das. james morris ist ein famoser, männlicher wotan. hier noch eine spur kerniger als bei levine. ein hochgenuss, wie morris potenz, feinsinn - und zudem noch witz - zelebriert! zedniks loge verspritzt schelmisch gute und freche laune, so kann man einen im wahrsten wortsinn tollen loge spektakulär gestalten. superb! fafner und fasolt sind mit tschammer und rydl recht nasal und klobig besetzt, das ginge schöner. peter haages fragiler mime macht alles richtig.


jadwiga rappé: eine immense, hypnotisierende erda mit einem faszinierenden spektrum an stimmumfang und farben. die bisher einzige opernstimme, bei der ich klänge regelrecht "sehe".


federleicht im puls und fast als ob die zeit stillstünde zugleich; so endet ein würdiges rheingold mit starken stärken und ebensolchen mankos, die aber die guten seiten nicht überschatten.


das vorspiel zur walküre ist herrlich geschichtet und hat grossen sog. eine kammermusikalische irrheit geleitet ins geschehen. haitink führt mit liebevoller dramatik und das orchester bekommt alle ruhe, die es benötigt. die tiefen streicher sind schlicht wunderbar und höchst elegisch, die hörner transportieren die der musik zugrundeliegende stimmung grossartig! zuspitzungen und ausbrüche lässt haitink zu, versieht sie aber ausnahmslos mit wärme und eleganz.


goldbergs siegmund passt. er ist männlich, lyrisch und sogar nachdenklich. letzte stimmliche freiheiten, die man gern von ihm hören würde, bleiben aus, doch ist er ein äusserst subtiler und intelligenter gestalter der partie. es ist dies zweifellos die wunderbarste performance, die ich von goldberg bis anhin auf tonträger hörte. cheryl studers sieglinde hat dramatik, vollste weiblichkeit, licht und erotik - und recht tough und angriffig ist sie dazu, was der figur gut ansteht. ein sehr, sehr schönes gesangspaar! matti salminen gibt - wie denn auch anders? - einen düstersten hunding, eine spur zu brachial für meinen geschmack. das finale des ersten aktes der walküre gelingt haitink stupend - aber nicht reisserisch.


zu james morris' jovialem und zutiefst schönem wotan gesellt sich hier waltraud meier als feurige und spannungsgeladene wie auch sehr nuancenstarke fricka - bravo! wotans monolog gelingt ungemein packend und intim.


eva martons brünnhilde ist eine wilde und verrückte nummer; kein grund für mich, sie nicht zu mögen. sie bringt gesanglichen aufruhr in die szenerie, mit furor und hochdruck. von letzterem macht sie gewiss zu leidenschaftlich gebrauch, doch ihre mittel sind stupend und sie könnte, wie sie punktuell beweist, durchaus auch mit subtileren tönen fesseln. dann allerdings fällt ihr sprachliches gestaltungsvermögen leider rasch zusammen. martons gesangliche (schall-)wellen kann man mögen oder nicht, präsenz und st(r)ahlkraft hat diese brennende brünnhilde. brennen tut auch dieser feuerzauber, sagenhaft lodert hier inhalt und stimmung in einem fort. morris ist ein gewaltig guter, nicht zuletzt tief menschlicher wotan. eine prächtige walküre!


peter haage macht einen noblen, sanften mime. er ist suggestiv, weil nicht überspitzt und menschlich. jerusalem bietet alles, was ein hochkarätiger siegfried braucht. er ist an der stimmspitze leicht kernig belegt, agiert sehr sportlich, fesch und mit maskuliner energie. er ist absolut furchtlos und höhenfest. haitink gestaltet wunderschön, bedächtig, eruptiv und mit einer ruhe, die wagner gut tut. das grossartige orchester webt und spinnt samten. der wanderer von james morris ist erneut ein geschenk. so sonor und innig, wonnevoll und klug soll der wanderer erklingen! kurt rydls fafner geht in ordnung, ein tatsächlich etwas schlafbedürftiger drache. theo adams alberich ist im siegfried gerade noch auszuhalten.


kiri te kanawas waldvogel kommt direkt vom friseur und aus der parfümerie, wo sie einen etwas zu schweren duft aufgelegt hat - aber äusserst edel! die begegnung zwischen wanderer und erda ist der höhepunkt dieser einspielung. rappés erda betört in jeder hinsicht, verleiht der aufnahme - sowie dem orchester und dirigat - eine weitere dimension - und der herrliche james morris vollendet diesen positiven eindruck. haitink entfacht grosses strömen und überrascht immer wieder mit einem zug, den ich ihm nie zugetraut hätte. das konzept des finalduetts zwischen siegfried und brünnhilde ist stahlgepanzert, sehr gravitätisch und massiv. die beiden stimmen können das, wobei jerusalem auch zu lyrischen tönen fähig ist. es gleisst, brodelt und bebt im orchester - eine ernste, erwachsene lesart. nicht immer stilvollst, aber imposant, was die marton hier bewältigt! haitink koordiniert drama und schmiss topsolide!


jard van nes, anne sofie von otter und jane eaglen geleiten als bedeutungsschwangere, hochmusikalische und starke nornen ins finale. weich, warm und seidig und mit wiederum sehr schönen ballungen malt das orchester unter haitink die facettenreiche kulisse, stimmungsmässig äusserst passend. der instrumentale übergang zum ersten akt gelingt prächtig. tomlinsons hagen ist dominant und verschlagen, duster und von fieser jovialität, hampson zeichnet einen noblen gunther, der von der bosheit zunehmend angezogen wird. tomlinson ist als hagen unvergleichlich stärker denn als wotan bei barenboim. die gutrune der bundschuh sehnt sich nach harmonie, ist blumig, unter strom und leicht verschreckt dazu. die waltraute der lipovsek ist solide, spröde und etwas körperlos. mitreissend oder gar berührend geht anders. hagens traumszene ist orchestral stimmig gestaltet, vermag sängerisch aber nicht derart unter die haut zu gehen wie bei anderen besetzungen. dafür blüht es andernorts: der chor für gunther, das motiv der gutrune - innig, human und spannungsvoll!


brünnhildes bitteres erwachen und ihr zusammenbruch inmitten der verräter: grossartig und apokalyptisch vorgeführt von der marton! stimmlich mehr denn gestalterisch, aber dies immens. selbiges gilt für martons brünnhilde-finale. das ganze ensemble findet hier zu stärkstem spiel und ebensolcher intensität. insgesamt bringt der zweite akt der götterdämmerung unter haitink alles, was grosse oper - und guter wagner - brauchen; dass das finale orchesterspiel für meinen geschmack ein wenig zu schnell und leichtfüssig ausgeht, wäre - und ist hiermit - wirklich gemäkelt. aber wer da karajan und levine unauslöschlich im ohr hat, muss damit leben.


dem finalen akt der götterdämmerung verleiht haitink gefährliche idylle. sehr schön der besuch siegfrieds bei den rheintöchtern. jerusalem veräussert sich hier stark und glaubwürdig. ihm nimmt man den helden ab, der wirklich etwas bewegen und verändern könnte – hätte wagners werk es nicht anders vorgesehen.


fazit: haitink ist nicht der herr der ringe, aber sein dirigat ist besser als gut. er ist nicht entdecker und gestalter, ausreizer und ausloter wie levine oder karajan, er ist nicht der dramatiker und driver wie solti, aber seine sicht ist plausibel, äusserst stimmungsvoll, dezent und doch von einem überzeugenden zug. ästhetik wird hier grossgeschrieben und unterstützt von einer hervorragenden, edlen klangtechnik. sein ensemble ist bis auf geringe geschmackssachen hochkarätig und ist mit allen sinnen voll dabei. ein schöner, guter, überzeugender und besonnener ring, den man sich gerne wieder anhört!