fisch (2013, seattle symphony orchestra, live)

 

geschmeidig, nicht ohne ruckler aber hoffnungsfroh eröffnet barenboim-eleve asher fisch den zyklus. begrüsst werden wir vom denkbar schrecklichsten rheintöchterntrio, welches ich je vernahm. die qualität der flattrigen, gröhlenden und tattrigen rheintöchter bleibt dann auch konstant grotesk. der alberich von richard paul fink ist flach, er ringt vergebens um so etwas wie verständlichkeit oder gar ausdruck. die klangqualität des mitschnitts ist fad. körper, orchestraler wie musikalischer, entsteht hier nicht. zwischendurch scheint es, als zische autobahnverkehr quer über die gesamte bühne. man erahnt, was das orchester punktuell an stimmung schafft, aber man bleibt als hörer komplett draussen. stephanie blythe und greer grimsley als fricka und wotan gleichen einem zeternden paar im altenheim, beide wirken, als hätten sie sich heftig den mund mit zu heissem kaffee verbrüht.

 

blythes fricka durchfällt in ihrer gestaltung jeden auch tief angelegten guten geschmack. grimsley hat zwar keinen atem, aber punktuell beeindruckende männliche kraft. von einer interpretation oder gar rollengestaltung sind beide weit entfernt. die riesen fasolt und fafner erscheinen dumpf und hohl. aus überzeugung unmusikalisch sind auch sie. so ein geschleife, geröhre und gestemme - das ist der tod von wagners musik. das komplett in den akustischen hintergrund gerückte orchester sorgt immerhin für momente der erträglichkeit. mark schowalter gibt den loge solide und freundlich und besitzt immerhin die fähigkeit, zu singen. was immer auch auf der bühne geschehen mag; das publikum findets oft und wiederholt lustig. das orchester, wenn es dann und wann wieder auf einen zukommt, macht seine sache fein. leider bleibt es trocken, zu kultiviert und ohne körper.

 

lucille beers erda kommt daher wie ein schriller transvestit. dieses rheingold ist die bedeutungslose sinnfreiheit. dumm und belanglos und komplett überflüssig, leider. das orchester entwickelt unter fisch keinerlei eigenleben. es pinselt, tutet und bläst mal hier, mal da. aber es ist, in einem rheingold ohne sänger, schlicht nicht vorhanden und spielt keine rolle. dieses rheingold lässt den hörer ratlos und unbefriedigt zurück. ausser ohrenpein findet darin nämlich überhaupt nichts statt.

 

die walküre bringt linde besserung. schade jedoch, dass das orchester trotz gelegentlichen humanen zügen nie diesen synthetischen überzug ablegt. stuart skeltons siegmund ist männlich, herb und gefällt vom stimmkolorit her. in ihm liegt hell und dunkel und er vermag seine farben standhaft zu demonstrieren. seine wälse-rufe sind ungeschnitten, ruhig und kraftvoll, sie scheinen endlos anzudauern. margaret jane wray zeichnet die sieglinde mit gewicht, reife und ordentlicher weiblichkeit. sie ist energisch und hat das richtige fieber für die partie. andrea silvestrelli, der fasolt aus dem rheingold, dröhnt den hunding. viel verbrühte heisse luft, leider keine rollengestaltung. dieser hunding klönt vor sich hin wie ein sabberndes riesenbaby und ist wahrlich kein ernstzunehmender partner im trio des ersten aktes.

 

grimsley und blythe setzten ihren crashkurs als wotan und fricka gnadenlos fort. ja, stephanie blythe zeigt punktuell, dass sie ihr material beherrscht. aber: was für ein material das ist! die walküren setzen diese amerikanische ring-parodie, die sich sehr ernst nimmt, fort. grimsleys wotan hat physische stärke, keine erzählerische. ebenso verhält es sich mit der brünnhilde von alwyn mellor. stuart skeltons siegmund ist in dieser entpersonalisierten walküre, in der donnergeräusche ab band priorität vor dem orchester besitzen, die einzig aufrechte freude und performance. man wünscht dem guten mann künftig bessere begleitumstände.

 

die walküren veranstalten ein besoffenes rodeo, auf der bühne möglicherweise mit unterhaltungswert. und an dieser stelle muss ich es wiederholen: ich liebe amerika und amerikanismen und ich betone zeit meines lebens sowie wenn angebracht in diesen notizen zu wagners ring immer wieder, dass amerikanische sänger für mich in aller regel die besten wagnersänger sind. das mag nun halt 2013 in seattle anders gewesen sein.

 

was zwischen wotan und brünnhilde abgeht, ist nicht spürbar und mittlerweile auch egal. wenn das orchester mal wieder schön falsch spielt wie etwa zu beginn von wotans abschied - ginge er nur endlich! - merkt man wenigstens, dass hier menschen an den instrumenten sitzen. der dirigent dieser aufnahme wird weiterhin spurlos vermisst. der feuerzauber klingt bestenfalls wie ein glockenspiel in zeitlupe und man hat den eindruck, der sänger des wotan verabschiede sich ganz real von seinem eigenen leben auf der bühne. es tut guter oper keinen abbruch, wenn mal übers ziel hinausgeschossen und voller leidenschaft gepatzt wird. leidenschaft fehlt hier aber fast überall, ebenso musikalität und verstand.

 

der siegfried beginnt mit etwas orchester, vor allem die tuben haben einen guten mikrofonplatz. anflüge von impulsen sind hörbar, aber ein dirigat ist es noch immer nicht. dennis petersen wirft, was er hat, in seinen mime. das ist respektabel, hat aber stark beamtenhafte züge. stefan vinke bietet eine labile, recht eintönige zeichnung des jungen siegfried. wo er keine höhe hat, mogelt er sich unschön aber effektiv durch. fairerweise muss gesagt sein, dass er im lauf seiner performance nicht schwächelt und beide sich wacker schlagen. greer grimsley schafft als wanderer weder sympathie noch neue qualität. selbiges gilt für finks alberich. daniel sumegis fafner ist vorsorglich schon bestens sediert. das orchester webt und flirrt, und fortwährend klingt es unreal. das waldvöglein von jennifer zetlan ist von absurder panik und in höchster eile. nun denn. der gesamten aufnahme fehlt auch der muskalische witz.

 

lucille beers transen-erda bleibt auch im siegfried höchst befremdlich. das orchester, welches im siegfried einen so illustrativen lauf hätte, bleibt träge, der klang ist es auch. da wird nahezu alles verschenkt, was an eruption, stimmung und wagner-gefühl kreiert werden kann. dabei sei festgestellt, dass das orchester rein materiell wagner gewachsen wäre, sein pilot und die aufnahmetechniker aber definitiv nicht. brünnhilde und siegfried liefern sich ein duett, das zur teilweise unfreiwillig komischen nervenprobe wird. wobei stefan vinke sich als siegfried immerhin wacker schlägt. was alwyn mellors brünnhilde von sich gibt, ist über weite strecken unanständig. das orchester agiert als schlaftablette, die auch nicht wirkt.

 

die nornen eröffnen die götterdämmerung auf leider auch stimmlich unheilvolle weise. man kann hier nur erahnen, worum es geht, wenn man andere ringe kennt, insbesondere orchestral. in dieser götterdämmerung bricht der letzte kitt auseinander. in stimmen und orchester. wie belanglos, falsch und bemüht dieses grösste meisterwerk der oper hier dargeboten wird, ist himmeltraurig. daniel sumegis hagen ist schlabbrig, der gunther von markus brück gefällt. er hat einen guten stimmcharakter für die rolle und weiss, was und wen er singt. zudem kann er gestalten und hat witz. wendy bryn harmer, deren freia im rheingold unerkannt blieb, kommt als helle gutrune besser zur geltung. und auch stephanie blythe weiss mit der rolle der waltraute mehr anzufangen denn als fricka. wirklich gut ist das nicht, aber ihr auftritt hier markiert den moment, wo am meisten stimmung getroffen wird in diesem gesamten ring. und dies auch von orchesterseite.

 

der herrenchor der seattle opera macht seine sache sensationell! in der gibichsmannenszene reisst er alles heraus, was diesem ring bis dahin so fehlte. erstaunlicher- und erfreulicherweise fährt der zweite akt in schwung und würde fort bis zum ende und man bekommt eine ahnung davon, wie packend wagner sein kann. womöglich hätte der chorleiter besser die gesamte aufführung übernommen. die rheintöchter machen ihren job hier bedeutend angenehmer als noch im rheingold und stefan vinkes siegfried beeindruckt durch seine vokale standhaftigkeit. der hat absolut nicht vor, zu sterben. der abschied von alwyn mellors brünnhilde ist nicht überaus berührend, aber engagiert. und wie immer ist es ein erhabenes und wehmütiges gefühl, wenn der ring zu ende geht. selbst bei diesem.