barenboim (1991 – 1992, orchester der bayreuther festspiele, live)


bei allem respekt vor und bei aller liebe zum musiker und menschen barenboim: ich habe den eindruck, er versucht hier ständig etwas zu demonstrieren und zu beweisen, was sowieso in dieser musik vorhanden ist, liesse man sie denn nur sprechen. das orchester muss nicht pausenlos schreien, wenngleich der walkürenritt bei barenboim eine herausragend kriegerische und nüchterne facon erhält, was es positiv zu vermerken gilt. insgesamt lädt barenboim den ring mit einer permanenten brutalität auf, die man irgendwann nicht mehr ernst nehmen will und kann. in diesem kontext – und wohl auch in jenem der diesen mitschnitten zugrundeliegenden inszenierung harry kupfers - sind die sängerdarbietungen zu bewerten, die gelegentlich schon unfreiwillig komisch ausfallen.


der klang ist sehr räumlich, aber auch voller hall, was insbesondere bei den singstimmen negativ ins gewicht fällt. viel bühnengetrete.


von kannen ist der widerlichste alberich, der mir je begegnete - wie auch viele weitere sänger hier in erster linie chargieren denn singen. tomlinson ist ein mächtiger, geradezu gewalttätiger wotan. linda finnies fricka steht ihm in brachialität in nichts nach. das gekeife des paars verursacht physischen schmerz. das alles mag auf der bühne, die weit reichen muss, angehen bis notwendig sein. für eine aufnahme ist es zu nah.


das dirigat ist punktuell berauschend und sensationell illustrativ - nach alberichs abschwören der liebe, beim auftritt der riesen - aber es ist auch mitunter äusserst dick aufgetragen. ein sensibler, tiefer ring ist das nicht. sehr plakativ und vordergründig, sehr reisserisch und laut. dito beim gesang. da wird auf der bühne nicht selten regelrecht gebellt und man hat den eindruck, das ganze tollhaus ist auf speed. graham clarks glucksender loge erscheint wie ein irrwitziger und fratzenhafter clown für erwachsenes publikum.


pampuch ist, wie bei sawallisch, ein guter mime. auch er wird hier aber zum forcieren angehalten. birgitta svenden sorgt als erneut phänomenale erda wenigstens für singulären ohrenschmaus in diesem rheingold der rüpel.


die klammer, die barenboim dem ersten akt der walküre angedeihen lässt, ist beachtlich und gehört zum besten und überzeugendsten dieses rings. fulminant das orchestrale finale dieses ersten aktes, stürmisch, orgastisch!


poul elming hat wunderbares material für den siegmund, von kämpferisch bis hoch sensibel ist alles drin. er hat dramatik und schmelz, singt nach oben total frei und ist ein bodenständiger gestalter. seine stellenweise atemlosigkeit steht der figur des siegmund gut. nadine secunde hätte eine interessante und passende stimme für die sieglinde, flutet aber zu schwer und ist ständiges opfer des halls der bühne bzw. aufnahmetechnik. matthias hölle ist ein potenter, tiefer hunding, der respekt abfordert bzw. angst einflösst. wie er uns hörende an der gurgel packt, ist grossartig gestaltet. tomlinsons wotan findet dann in der verbannung seiner brünnhilde immerhin zu prägnanten tönen, die nicht nur äusserlich sind. die brünnhilde von anne evans ist heiser, hart und schlagkräftig. anmut hat sie keine. graham clarks geschmäcklerischer mime ist leider über weite strecken eine wahre und ätzende plage. auch dies aber, fairerweise, kann nicht völlig losgelöst von der inszenierung bewertet werden.


barenboim findet im siegfried zur burleske und tollheit, die diesem part des rings zumindest anfänglich gut steht. siegfried jerusalem ist ein herrlicher, herrlichster siegfried. er hat tempo, bogen, strahlen und ist äusserst flink, präzise und man braucht sich um seine ressourcen keinerlei sorgen zu machen. er besitzt männlichkeit und eleganz, dazu kommt diese lässigkeit, die einen furchtlosen siegfried auszeichnet. tomlinson füllt den wanderer erstaunlicherweise mit eigenschaften, die seinem wotan so derart abgehen: wärme, güte, neugier, jovialität und wonnevollste männlichkeit.


barenboim setzt das orchester unter solchen dauerdruck, dass dann auch keine sinnfälligen endsteigerungen stattfinden können, wie z.b. am ende des ersten aktes des siegfried. philip kang ist ein seriöser fafner. dass der böse drache hier von allen beteiligten am normalsten klingt, entbehrt nicht einer gewissen ironie. hilde leidlands waldvogel ist eine perle. kompliment! schöne und schmerzfreie minuten im siegfried verschafft auch die szene zwischen wanderer und erda.


das duett zwischen siegfried und brünnhilde kommt bei barenboim stahlgepanzert daher. eine liebestaumelei, die alles und alle plattwalzt – so kann man es auch sehen. ob dieses duett in der tat so irrwitzig wie auch kriegerisch daherkommen muss, ist fraglich. beeindruckend, wie siegfried jerusalem das meistert!


gunther und hagen sind mit bodo brinkmann und philip kang solide besetzt, eva-maria bundschuh verkörpert eine sanfte, feine, äusserst schöne gutrune. unter donner und blitz reitet sie daher: waltraud meier als einmal mehr sagenhafte waltraute. ihr auftritt ist das ereignis dieser götterdämmerung!


barenboim erfasst die spannenden stimmungen der götterdämmerung gut, vermittelt sie allerdings recht launisch. er schafft es aber gerade noch, die waage zu halten zwischen zynik, doppelbödigkeit, falltüren wie auch erhabener, inniger, würdevoller schönheit. das „heil dir, gunther“ wie auch das motiv der gutrune, welches barenboim ebenso zu lieben scheint wie ich; sie bringen lichtvolle momente in die bitterböse geschichte.


fazit: barenboims ring nähert man sich wohl besser auf dvd in der visuellen umsetzung harry kupfers. letzterer hat für das booklet eine eigene inhaltsangabe des rings verfasst, die mit zum besten gehört, was mir diesbezüglich je untergekommen ist. vom musikalischen und interpretatorischen zugang her ist dieser ring, bis auf wenige lichte momente, eine einzige gewaltorgie und ein irrenhaus. ein guter ring hat aber mehr zu bieten.