giulini

wiener philharmoniker / wiener staatsopernchor / cappuccilli / cotrubas / domingo / ghiaurov / obraztsova (1980)

giulinis sorgsam erarbeiteter rigoletto ist ein höhepunkt der aufnahmegeschichte. der maestro weiss um die architektur, proportion und innenspannung des dramas. ausnahmslos jede figur hat bei giulini ihren charakter und ihre wichtigkeit. giulini kreiert intimes und berstend packendes ensembledrama, inspiriert noch die routiniertesten sänger zu rhythmik und bekenntnis und verwandelt die wiener philharmoniker in einen tiger, der unentwegt auf sprung ist, sich sanft und still anschleicht und gnadenlos, aber mit genuss und eleganz, angreift. aus der tiefe und frei jeder oberflächlichkeit erweckt giulini das drama punktgenau zum leben, mit raffinesse, zärtlichkeit und feinsinn für seele und psychologie der musik. atem und balsam überall. domingo ist beileibe kein herzog, animiert von giulini singt er sich aber in selten gehörter wendigkeit um kopf und kragen. ohne zweifel seine mitunter allerbeste performance überhaupt. die cotrubas ist eine zarte und reine, aber auch bestimmte und von sich selbst überzeugte gilda - allerdings ist die junge dame auch reichlich kühl. der sparafucile von ghiaurov ist massstäblich. cappuccilli hat alles, was ein berührender rigoletto braucht. er gestaltet den gebrochenen vater in den entscheidenden momenten mit bestechender würde. 


kubelik

coro e orchestra del teatro alla scala / fischer-dieskau / scotto / bergonzi / vinco / cossotto (1964)

kubelik zelebriert einen ernsten, getragenen, trockenen wie auch warmen verdi mit sinn für steigerungen und linien - in gesang wie orchester. fischer-dieskau durchschaut die titelrolle und verleiht seinem rigoletto unzufriedenheit, gebrochenheit, gram und misstrauen. seine gestaltung ist clever und zeugt von der hohen seriosität, die stets dieses sängers markenzeichen war. inklusive leicht überkorrektem bellen. es gibt männlichere, kräftigere und wärmere rigolettos, dieser hier ist überaus nobel und lyrisch. selbiges gilt für den herzog des äusserst kultivierten carlo bergonzi, dem man den verschlagenen wüstling vom stimmcharkter her nicht abnimmt. die geliebte renata scotto ist stimmlich absolut keine naiv verliebte tochter, die unter schutz gestellt werden müsste. als gilda ist sie mehrere nummern zu gross und dramatisch, fraulich zu reif für die feinen, blumigen ansprüche dieser partie. hier erleben wir, was grosse und berührende sänger und sängerinnen zu leisten imstande sind. in einer oper, die nicht die ihre ist, in rollen, für die sie nicht wirklich geeignet sind. kubeliks rigoletto hat viel gutes zu bieten. ein stimmiger rigoletto wird daraus allerdings nicht.


muti

orchestra e coro del teatro alla scala, milano / zancanaro / dessi / la scola / burchuladze / senn (1988)

muti dirigiert seinen verdi konservativ und streng, gebündelt und energisch und mit gespür fürs tänzerische. das macht hier alles sinn und überzeugt. das orchester ist secco, präsent und malt unter mutis stab ureigenste, perfekte verdi-farben. la scola macht gesanglich alles korrekt und engagiert sich mit verve über sein können hinaus. die stimme, die er dem herzog verleiht, bleibt aber über weite strecken schal und kernig. dieser herzog verführt niemanden mit seinem gesang. die dessi ist technisch nicht so raffiniert wie andere interpretinnen der gilda, sie ist auch rhythmisch nicht immer energisch genug und auf dem punkt. ihre stimme und zartheit an sich stehen der rolle aber durchaus gut. burchuladzes sparafucile ist ein heisses lüftchen. mutis wunsch? martha senn liefert eine hervorragende maddalena. das ist ja auch rar. zancanaro ist und war schon immer ein ganz grosser gestalter des rigoletto. ja, er hat ein etwas hölzernes timbre und agiert bei einer studioaufnahme exakt wie auf der bühne. mir gefällt er beiderorts. er verströmt hehre männlichkeit, bleibt stets gediegen in seiner tiefen gebrochenheit. was zancanaro hier macht, ist beste alte schule. und die passt hervorragend zu mutis dirigat. 


sinopoli

coro e orchestra dell'academia nazionale di santa cecilia / bruson / gruberova / shicoff / lloyd / fassbaender (1984)

bruson ist ein markanter und reifer rigoletto. seine wut besteht aus purer verzweiflung. die gilda mit der gruberova zu besetzen, war damals bestimmt ein luxus. technisch geht das eindrücklichst auf, gefühlsmässig nicht. diese partie scheint eine ewige besetzungs-knacknuss. der sparafucile von robert lloyd bereitet hochgenuss. ein idealerer herzog als shicoff ist kaum denkbar: fiebrig, geil, sich verzehrend und verbrennend nach weiblichkeit und kick, hechelnd voraneilend zwischen manischer lust, unerfüllter sehnsucht und partyseliger gleichgültigkeit. sinopolis sicht auf das werk ist ausnahmslos düster und hoffnungslos. sein dirigat ist garstig, eisig kalt, schwer wie blei und recht eigenwillig und ausufernd in der wahl der tempi. möglicherweise will sinopoli rigolettos eigene zunehmend taumelnde verfassung auf das komplette orchester übertragen, die geschichte so konsequent wie möglich auf dessen perspektive herunterbrechen. das ist unangenehm und fördert eine albtraumhafte atmosphäre, die der geschichte sehr entgegenkommt. der beginn des dritten aktes ist in sinopolis hand äusserst nahe bei wagner. orchestrale zwischenflüsse rücken nach vorne, die andernorts ungehört bleiben, dafür scheint sich sinopoli nicht für höhepunkte im rigoletto zu interessieren, die schlichtweg interessieren müssen. das quartett im dritten akt stellt hier einen - auch von der klangregie mitverursachten - tiefpunkt in der rigoletto-diskografie dar. eine deprimierende aufnahme mit vorsatz und charakter. eine mögliche, teilweise überzeugende deutung. aber keine befriedigende.