kleiber

coro e orchestra del teatro alla scala / domingo / freni / cappuccilli / ciannella (1976)

klangliche einbussen, viel fieber: kleibers live-otello aus der scala zeigt, wie sehr der fragile dirigent um ströme, wachstum, sinnlichkeit und apokalypse in der musik weiss - und all dies regelrecht hypnotisierend freizusetzen vermag. kleibers otello wäre ohne sänger schon ein hochgenuss. domingo performt live studioreif. punktuell sogar eben noch besser. cappuccilli ist als jago zu wenig standhaft. für böse partien ist der mann einfach zu freundlich. die freni ist der (vokale) stern dieses mitschnitts. sie glüht, ist durchdrungen von ausdruck und freiheit, dass es auf schönste weise wehtut. die freni ist rein, pur, weiblich und vollkommen echt. sie ist stark, hell, warm und weich in einem. zusammen mit carlos kleiber ist sie licht, liebe und sog dieser faszinierenden aufführung. kleiber macht zudem klar, wie genial verdi die atmosphäre wagners in seine eigene tonsprache aufnahm, ohne sich dabei zu verleugnen. schlussendlich demonstriert dieser live-mitschnitt auf tragische weise, warum es für carlos kleiber immer unmöglicher wurde, der musik vor publikum zu dienen.


levine

national philharmonic orchestra / ambrosian opera chorus / domingo / scotto / milnes / little (1978)

der ereignishafte star dieser aufnahme ist das orchester mit seinem dirigenten. levine reisst mit, packt, greift an, umarmt und liebkost. da schmettern die wogen und fluten die gefühlsstürme - auch in der innigsten zärtlichkeit und intimität. levines dirigat ist grosses kino, voller farben, kraftvoll, mächtig, satt, flirrend und verspielt, unheimlich wuselnd. das ist nicht immer schön und schon gar nicht elegant - aber richtig. die sänger erfassen levines konzept dieser zweitletzten, von wagnerscher atmosphäre und dessen musikalischem geist geprägten verdi-oper, absolut stimmig. domingo findet zu grosser innigkeit in seiner verwirrung und raserei. dieser otello ist tatsächlich ein liebender. aber eben nicht der klügste. er wird zum blinden handlanger seiner vollkommen unbegründeten eifersucht. domingos otello ist nicht durchschlagskräftig, aber sehr stabil. die scotto ist eine glänzende, höchst expressive und sehr frauliche desdemona, die in ihren stillen, sehnenden und betenden momenten zusätzlich überaus berührt und tiefe schauer verursacht. milnes ist zwar nie ein besonders furchteinflössender sänger, aber sein jago ist verschlagen und fesselt durch bitterkeit und verbissenheit. levines aufnahme psychologisiert nicht. genau darum ist sie so gut. sie war vor etlichen jahren mein optimaler einstieg in verdis welt.