muti


new philharmonia orchestra / ambrosian opera chorus / milnes / cossotto / raimondi / carreras (1976)


milnes gibt einen sympathischen und sonoren macbeth, der sich in seiner freundlichkeit und gutgläubigkeit problemlos von seiner gattin verbiegen lässt und anscheinend nicht mitbekommt, was um ihn herum – und mit ihm - geschieht. die cossotto singt die lady durchs band zu schön, fasziniert dort, wo sie mit leisen (sprech-) tönen arbeitet. der macduff von carreras ist aufrichtig, flehend und berührend. muti interessiert sich einzig für sein dirigat. das führt zu grossen, bezwingenden momenten insbesondere in der ballettmusik des dritten aktes sowie im chor der schottischen flüchtlinge („patria oppressa“), der zu einem endgültigen statement der menschlichkeit und hoffnung wird, einem regelrechten kurzen requiem innerhalb der oper. ansonsten bleibt mutis dirigat eindimensional, bietet wenig raum für das menschliche wie übermenschliche in verdis geheimnisvollster und finsterster partitur. verdis macbeth ist die denkbar ungünstigste oper, um sänger zu domestizieren.



sinopoli


chor und orchester der deutschen oper berlin / bruson / zampieri / shicoff / lloyd (1983)


giuseppe sinopoli war einer der spannendsten dirigenten zu ende des zwanzigsten jahrhunderts. der arzt, psychiater, archäologe und komponist, der alles dirigierte wie wagner – nur wagner selbst nicht – analysierte und erfasste partituren wie kein anderer. sinopoli ist ein wahrer gestalter, er weiss um die kraft der pausen und der stille vor und nach der musik und bezieht diese stille ganz bewusst in die komposition mit ein. er kitzelt mit freude und bedacht jedes noch so kleine detail aus der musik, erfasst jede nur mögliche stimmung des dramas und verleiht ihr gestalt. das resultat ist pures, hingebungsvolles und wissendes musizieren, was den geist von verdis macbeth zum leben erweckt: fahl, verhext, verflucht, perfide, den wahn nach macht und die damit einhergehende, alles zerfressende angst brilliant und plausibel illustrierend. oper als zeitloser psychothriller. verdis einzige oper zudem, die keine liebesgeschichte zum zentrum hat. wirklich? der zeichnung seiner lady lässt verdi die wohl grösste, sorgfältigste und intimste liebe und kraft zukommen, die nur denkbar ist.

bruson verkörpert mit jeder faser den an sich integren, höflichen, gestandenen und klugen mann, der nichts und niemandem böses will und der dennoch mit jedem atemzug mehr und mehr der manipulation seiner frau erliegt. mara zampieri als lady macbeth: ausser konkurrenz! hier von rollengestaltung oder interpretation zu reden, erübrigt sich. die zampieri ist lady macbeth. stahlhart, verschlagen, sinnlich und verführerisch, schneidend, fesselnd, streichelnd, von ihrem wahn und ihren wünschen gleichermassen aufgeputscht und erfüllt wie auch zunehmend zerfressen. diese frau nimmt alle und alles ein, schlussendlich auch sich selbst, in grösster verzweiflung. diese frau ist ein teufel, und doch leidet, bebt, fiebert und weint man mit ihr, weil sie durch und durch mensch bleibt in ihrer partie. in sinopoli, dem dirigent ihres vertrauens, findet zampieri ihren meister. er in ihr seine muse und seinen motor für diese einspielung – und legendäre bühnenaufführungen des stücks. so furchterregend sinopolis deutung zuweilen ist: die hexen und erscheinungen, das übersinnliche in verdis abgründigstem werk; sie alle sind bei sinopoli vollkommen real. der wahre horror der geschichte ist menschengemacht – und es wird brutal klar, dass verdis macbeth auch die bedrückende und exemplarische darstellung von sucht und abhängigkeit in jeder form ist.

in der schlafwandelszene, in der die lady irr wird und sich endgültig verliert, findet sie doch erst recht (zu) sich selbst. wo andere sängerinnen an dieser stelle in akrobatik verfallen, präsentiert die zampieri das ergreifende seelenbild einer krankheit, die sie besessen macht, aber auch erlösen wird. shicoff, mein verehrtester tenor, singt als macduff zu jeder stelle um sein leben, und um das seiner liebsten dazu. diese aufnahme ist ein sog, ein ereignis. bestechend durch grösse, tiefe, sorgfalt, hingabe und das verständnis für handlung und handelnde. diese einspielung demonstriert äusserstes verlangen, tiefste sehnsucht und die merkwürdig schöne faszination – und die pulsierende erotik - des destruktiven. sie wertet nicht und sie verurteilt nicht. die würde aller protagonisten bleibt zu jeder stelle erhalten. glaubwürdiger kann man oper nicht auf tonträger bannen.