bernstein

wiener philharmoniker / wiener staatsopernchor / fischer-dieskau / panerai / ligabue / rössel-majdan / resnik / oncina / sciutti (1966)

bernstein badet und planscht lustvoll aber planlos in verdis eloquentester partitur. keiner der beteiligten bleibt dabei trocken. die damen sind, wohlwollend formuliert, allesamt stimmlich grenzwertig. stolze und kunz ehren diese wiener produktion als cajus und pistola. der geschätzte fischer-dieskau ist als rigoletto annehmbarer denn als falstaff. bernstein schwebte hier wohl eine besetzungsmixtur aus wendigem intellekt und männlicher erotik vor. (falstaff ist weder intellektuell noch erotisch.) fischer-dieskau nimmt geschmeichelt an, liefert dankbar, spürbar inspiriert und mit bernstein flirtend ab. was auch immer er hier singt und im rahmen seiner stimme zu verkörpern vermag: es ist kein falstaff. panerais hier erstaunlich brüchiger ford scheint bernsteins dirigat zu misstrauen. zu recht. bernstein animiert und überrumpelt die wiener philharmoniker bis auf geringe ausnahmen pausenlos zu forcierten, sinnfreien und geschmäcklerischen anstössigkeiten, die sie ihm - in hoher qualität und kunstfertigkeit - zukommen lassen. aber anstössig bleibt anstössig. bernstein bewegt sich im rausch von oberfläche und geschmacklosigkeit. sein falstaff hat weder zentrum noch gravität. und schon gar keinen sinn für wortbehandlung und satzzeichen, wärme, lyrik und magie.


davis

symphonieorchester und chor des bayerischen rundfunks / panerai / titus / sweet / quittmeyer / horne / lopardo / kaufmann (1991)

sir colin davis, der besonnene und aufrichtige gentleman einer ära von dirigenten, entführt uns in einen herrlich austarierten, prachtvoll klangfarbenen und einfach nur himmlisch klingenden falstaff. das ist auch verdienst des symphonieorchesters des bayerischen rundfunks, welches davis über jahre innen und aussen mitgeformt und liebevoll geprägt hat. die klangqualität der aufnahme ist exzellent, colin davis übersieht nichts und zelebriert burleske, tohuwabohu, zärtlichkeit, keckheit, feinheit und aufblühen der partitur mit englischer lust - und ebensolcher distinguiertheit. rolando panerai, der lebenslange brilliante ford, singt hier seinen ersten kompletten falstaff. das tut er würdig, kraftvoll und mit dem ihm eigenen machohaften schalk. ein starker, charaktervoller, fordernder falstaff, für mich ideal, beeindruckend und gefährlich jovial - gelegentlich schon fast irr und grandios in der gestaltung abgrundtiefer komik. alan titus hat freude an seinem ford und gestaltet ihn mit komödiantischer tragik und packender intensität. schön! frank lopardo ist als fenton eine strahlkräftige klasse für sich. die damen sind sympathisch und gut gelaunt, aber stimmlich mau und nicht passend. die erinnern allesamt eher an "desperate housewives" denn an das, was sie hier darstellen müssten. sharon sweet verbreitet viel heisse luft, die legendäre marilyn horne übertreibt unschön - auch, wenn man es ihr verzeiht. julie kaufmanns nannetta ist vor allem quengelig. insgesamt eine vom dirigenten höchst liebevoll und sorgfältig getragene aufnahme, veredelt von allen männlichen beteiligten. die damen sind unangenehm bis nicht vorhanden in den für sie vorgesehenen partien. orchestral und aufnahmeseitig ein funkelnder hochgenuss. die magie im stück findet man aber anderweitig.


giulini

los angeles philharmonic orchestra / los angeles master chorale / bruson / nucci / ricciarelli / boozer / valentini terrani / gonzalez / hendricks (1982)

carlo maria giulinis entschluss, keine oper mehr vor publikum zu dirigieren, währte 14 jahre. der live-falstaff aus los angeles ist das dokument seiner nochmaligen rückkehr zum (musik-) theater. mit einem langjährig vertrauten gesangsteam sowie dem blendend aufgelegten und magisch aufgeladenen los angeles philharmonic orchestra manifestiert giulini noch einmal wahrhaftigen, sinnlichen opernzauber. giulini findet seinen völlig eigenen rhythmus für den falstaff. seine tempovorgaben und seine reaktionsfähigkeit sind katzengleich, hingebungsvoll, intuitiv. giulini ist noch gewährender als karajan und um welten mutiger – und eben intelligenter - als bernstein. denn er vertraut verdis partitur wie seiner bibel. giulinis falstaff ist poetisch, romantisch, dunkel, nächtlich, warm, äusserst ernst und punktuell sogar unheimlich. zugleich ist die gesamte aufführung von grosser güte und einem nicht in worte fassbaren puls beseelt. magie pur! bruson ist ein cleverer und präsenter falstaff, der es geniesst, unterschätzt zu werden. der fenton von dalmacio gonzalez ist von edelster männlichkeit, nuccis ford ein potenter hochgenuss. die ricciarelli und die valentini terrani geben giulini als "lustige weiber von windsor" exakt, was er will. einzig die hendricks als nannetta stört. dieses ständige kokettieren mit obszönität und biederkeit ist ein graus. das schmälert aber nicht wesentlich den rang dieser grossen und noblen aufnahme voller geheimnis, die vom live-erlebnis und einem äusserst respektvollen und dankbaren publikum zusätzlich profitiert.


karajan

philharmonia orchestra / philharmonia chorus / gobbi / panerai / schwarzkopf / merriman / barbieri / alva / moffo (1956)

die oper aller opern, die dirigentenoper schlechthin. karajans londoner falstaff zeigt, wos langgeht. falstaff ist bei karajan hoch lyrische und vitalste komödie, aber nie auf unpassende weise lustig. karajan hat ein unsterbliches ensemble, ein knochentrockenes, aber fähiges orchester. was mit den londonern an finalem sternenstaub noch nicht möglich war, sollte er jahre später mit den wienern gebären. tito gobbis falstaff hat feine grösse, eleganten charme und vor allem: spass! die damen sind zeitlos gut und von nobler klasse. alvas fenton ist betörend, die moffo als nannetta tut es ihm gleich. rolando panerai, der ewige ford, ist mit seiner warmen und intensiven männlichkeit wie immer prädestiniert für die rolle, die er geprägt hat wie kein anderer. sein rasender wutmonolog - verdi erzeugt hier innigste menschliche und demütige wut ohne destruktivität - erschüttert tief und baut zugleich heilsam auf. karajans londoner falstaff ist eine sternstunde mit unendlich vielen optimalen eigenschaften. die stärkste: echte, ernste liebenswürdigkeit.


karajan

wiener philharmoniker / wiener staatsopernchor / taddei / panerai / kabaivanska / schmidt / ludwig / araiza / perry (1980)

die edelste und luxuriöseste aufnahme, die zudem klangtechnisch – nebst sir colin davis - wunderbarste. karajan bringt alles mit, was bereits seinen londoner falstaff ein vierteljahrhundert zuvor zum ereignis werden liess. und addiert noch mehr ruhe und gelassenheit, verstärkt und verfeinert die klangschichtungen und entwicklungen, so, wie es mit den wiener philharmonikern möglich ist. das ensemble ist wiederum hochkarätig. taddei hat nicht gobbis natürliche grösse und trockene potenz, aber er ist ein legitimer und gestandener falstaff. araiza und perry schwingen sich als junges liebespaar in traumhafte höhen, emotional sowie akustisch. de palma und zednik sind köstlich, die mrs. quickly der liebevollen christa ludwig ein herzerfrischender, gütiger hochgenuss. panerai ist in seiner paraderolle des ford noch gewaltiger als gewohnt. kein wunder bei dieser orchestereskorte! karajan macht dank seinem gespür für den feinen humor - und die feine liebe - den falstaff zum naturereignis. alles organisch, richtig und zusammen. orchester, sing- und sprechstimmen, klangfarben und geist in einer herrlich melancholisch-beschwingten einheit, dass es zutiefst ergreift und berührt. diese aufnahme hat grösse, stil, musikalität durch und durch. und subtile intimität. karajan gibt raum und viel zeit, die wiener sind potent und kräftig wie selten, dabei doch stets auf einer völlig gelösten, verspielten ebene. wärme, glanz und schneid vereint. wie sehr pure ekstase wahrer ruhe entspringt – und diese bedingt; das lernen wir erneut bei karajan.


muti

coro e orchestra del teatro alla scala / pons / frontali / dessi / ziegler / manca di nissa / vargas / o'flynn (1993)

live-mitschnitt aus der scala in gewohnt plüschiger, töne und klänge verschluckender art. schade, denn etwas kontur wäre dieser aufführungsserie bekommen, wenn man denn schon beschloss, sie für die nachwelt festzuhalten. muti leitet erstaunlich weich und umsichtig, aber mehr als koordinieren (impulse liefern oder energie übertragen zum beispiel) mag er hier nicht. juan pons ist ein lebhafter und mehr als guter falstaff, stimmlich ist er mir für die partie allerdings durchs band etwas zu hell. die offiziellen und inoffiziellen schurken sind bestens drauf und voller tatendrang. vargas ist ein schöner fenton, die nannetta der maureen o'flynn akzeptabel. die damenriege passt und ist stimmig, vor allem können die stimmen gut miteinander. der gar nicht heimliche star dieser aufnahme ist roberto frontali als ford. mit welcher vehemenz - aber ohne übertreibung - er falstaff umgarnt, manipuliert und ihm den gehörnten vorjammert, ist ein kunstwerk für sich. eine absolut stimmige und schöne, korrekte, gar recht sorgfältige aufnahme, die allerdings klanglich sehr vermummt bleibt. eine gute addition zur sammlung, aber beileibe nicht der falstaff, den man zwingend haben muss.